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«Gesteine sind wie Bücher»

Der Brienzer Rutsch in der Bündner Gemeinde Albula/Alvra wird durch zahlreiche Systeme engmaschig überwacht. Das Team des Frühwarndienstes beurteilt die gesammelten Daten und Bilder und erstellt daraus laufend eine Analyse. Diese hilft, allfällige Gefahren für den Siedlungsraum frühzeitig zu erkennen und die Gemeinde zu warnen. Der Geologe Stefan Schneider leitet den Frühwarndienst.

Bild des Georadars vom 17. Februar 2020: Schwarz und grün bedeuten keine oder wenig Bewegung. Gelb, rot und blau: hohe oder sehr hohe Geschwindigkeit. Blauer Punkt links der Mitte: Von hier kamen Mitte Februar die vielen Blockschläge. (c) Geopraevent AG

Welche Aufgaben hat der Frühwarndienst?

Wir überwachen die Rutschung mit verschiedenen Systemen und beurteilen die Messdaten. Daraus können wir die geologischen Entwicklungen erkennen und die Gefahrenlage beurteilen. Als beratender Experte bringe ich diese Erkenntnisse dann in den Führungsstab der Gemeinde ein.

Wer arbeitet im Frühwarndienst?

Das Kernteam besteht aus vier Geologen, die sich die Aufgaben rund um den Frühwarndienst aufteilen. So können wir die Überwachung des Brienzer Rutsches rund um die Uhr an allen Tagen der Woche sicherstellen. Beraten und unterstützt werden wir zusätzlich durch den Gesamtprojektleiter des Amtes für Wald und Naturgefahren und die beiden Geo-logen des Kantons.

Welche Überwachungs-Technik wird eingesetzt?

Wir betreiben neun Messstationen mit sehr präzisen GPS-Empfängern, die jeden Tag eine genaue Position liefern. Aus dem Messhäuschen in Brienz/Brinzauls werden alle zwei Stunden über 30 Punkte am Berg vollautomatisch vermessen. Und seit dem letzten Sommer ist auch ein Georadar im Einsatz, der uns vor allem bei der Beurteilung des Szenarios «Insel» millimetergenaue Daten liefert.

Warum sind es verschiedene Techniken?

Die drei Messsysteme ergänzen sich gegen-seitig; jedes System hat seine Vor- und Nach-teile. So können zum Beispiel die Messpunkte vom Dorf aus bei schlechtem Wetter und Ne-bel nicht gemessen werden. In solchen Situationen können wir dann auf den Georadar und die GPS-Daten zurückgreifen. Es kann auch vorkommen, dass ein System aufgrund technischer Probleme einmal ausfällt. Daher ist es wichtig, dass wir verschiedene, unabhängige Systeme haben und eine Redundanz gewähr-leistet ist.

Wie oft sehen Sie sich die Messdaten an?

Die Daten werden täglich kontrolliert und von Geologen interpretiert. Bei ausserordentlichen Vorkommnissen kann es aber auch vorkommen, dass wir die Daten mehrmals täglich sichten und interpretieren.

Woran würden Sie erkennen, wenn die Situation sich verschlechtern würde?

Für uns sind vor allem die Veränderungen in den Bewegungen der Gesteinsmassen wichtig. Wenn die Geschwindigkeiten der Rutschung am Berg plötzlich übermässig schnell und grossflächig zunehmen würden, könnte dies kritisch sein. 

Ab wann würden Sie Alarm schlagen?

Wir beobachten die Bewegungsmuster sehr genau und überwachen sie auch mit mathematischen Modellen. Diese zeigen uns an, ab wann es kritisch werden kann. Wenn sich eine ausserordentliche Entwicklung abzeichnet, diskutieren wir die Situation zuerst intern mit den Geologen des Frühwarndienstes und den Experten des Kantons. Wenn wir zum Schluss kommen, dass sich die Lage massgeblich verändert hat, informieren wir den Stabschef und den Gemeindeführungsstab. Je nach Situation trifft sich dann der Gemeindeführungsstab und entscheidet über weitere Massnahmen – bis hin zu einer Evakuierung. 

Ab wann müsste man das bewohnte Gebiet evakuieren?

Oberstes Gebot ist die Sicherheit der Bewohnerinnen und Bewohner. Wenn sich ein Bergsturz abzeichnen würde, würden wir evakuieren. 

Wie schnell könnte das passieren? 

Grosse Felsabbrüche, welche das Dorf und seine Bewohner gefährden könnten, ereignen sich nicht spontan, sondern kündigen sich Stunden bis Tage im Voraus an und können durch den Frühwarndienst erkannt werden. So bliebe Zeit für eine geordnete Evakuierung. Darauf ist die Gemeinde vorbereitet.

Der Berg bewegt sich seit vielen Generationen – die Brienzer kennen das. Warum die umfassenden Massnahmen der letzten Monate?

Die Geschwindigkeit der Rutschung Dorf hat sich seit dem Jahr 2000 fast verzwanzigfacht. Viele Jahre lag die Bewegung bei fünf oder sechs Zentimetern pro Jahr und heute sind wir bei fast einem Meter zwanzig. Die Häuser, Strassen und Leitungen leiden stark unter dieser Bewegung. Zudem besteht von oben eine gewisse Gefährdung durch einen Bergsturz. Diese deutliche Verschärfung der Lage in den letzten Jahren hat die diversen Massnahmen nötig gemacht.

Gibt uns der Frühwarndienst totale Sicherheit?

Totale Sicherheit gibt es in der Natur nie. Aber unsere hochmodernen Systeme und die erfahrenen Spezialisten geben dem Dorf und seinen Bewohnern die Sicherheit, die sie zum Leben brauchen.

Sie tragen eine grosse Verantwortung. Schlafen Sie nachts gut?

(lächelt) Die Verantwortung ist tatsächlich gross. Wir sind aber ein erfahrenes Team und verteilen die Verantwortung auf mehrere Schultern. Es ist unser Beruf, Naturgefahren einzuschätzen. Ich schlafe also gut, danke! 

Zur Person:

«Gesteine sind wie Bücher: Wenn man ihre Sprache versteht, erzählen sie einem sehr viele Geschichten», sagt der Geologe Stefan Schneider (46), der sich seit 2011 intensiv mit dem Brienzer Rutsch befasst. Er ist in Affoltern am Albis aufgewachsen und studierte an der ETH Zürich Erdwissenschaften. Nach fünf Jahren im Wallis kam er 2005 zur CSD INGENIEURE AG nach Thusis. Heute leitet er dort die Niederlassung mit 13 Geologinnen, Geologen und Umweltfachleuten. 

Ursprünglich aus beruflichen Gründen in den Bergen gelandet, hat Stefan Schneider in 15 Jahren im Kanton Graubünden auch privat Wurzeln geschlagen. Er wohnt mit seiner Frau und seinen drei Kindern in Scharans. Ihn faszinieren die verschiedenen Dimensionen, die in der Geologie zusammenkommen. «Wir schauen Jahrmillionen zurück, um die Erde zu verstehen und daraus für die Zukunft zu lernen», sagt er dazu. «Unter dem Mikroskop betrachtet, können kleinste Gesteinsproben grosse Zusammenhänge in einem Berg oder dem ganzen Planeten preisgeben.»

 

Dieses Interview ist im Monatsbulletin (Februar 2020) der Gemeinde Albula/Alvra zum Brienzer Rutsch erschienen. Es informiert die Betroffenen und die Öffentlichkeit monatlich über die aktuelle Entwicklung des Rutsches und die Erkenntnisse dazu und kann von der Seite der Gemeinde (www.albula-alvra.ch) heruntergeladen werden. Das Bulletin wird durch Christian Gartmann konzipiert und umgesetzt.