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Wild braucht im Winter vor allem Ruhe!

Wildtiere leiden im Winter besonders unter Störungen durch den Menschen. Sie sind darauf eingestellt, sich nur minimal zu bewegen und damit sehr wenig Energie zu verbrauchen. Werden sie gestört, setzt sich ein Kreislauf in Gang, den sie nicht selten mit dem Leben bezahlen. Natur-, Wald- und Jagdverbände sowie kantonale Stellen rufen deshalb dazu auf, die Wildschutzmassnahmen im Winter besonders genau zu beachten.

Medienkonferenz für den «Grünen Tisch Graubünden» in Davos Dischma

Hirsche, Rehe, Gämsen und Steinböcke stellen im Winter ihren Organismus so um, dass sie nur sehr wenig Energie verbrauchen. Sie verteilen sich in ihren Winterlebensräumen, bewegen sich nur minimal und senken ihre Körpertemperatur. Dank ihrer Fettreserven aus dem Sommerhalbjahr können sie den Winter mit sehr wenig Futter überstehen. Dieses „Leben auf Sparflamme“ funktioniert aber nur, wenn die Tiere in ihren gewählten Winterlebensräumen möglichst ungestört leben können.

In Graubünden wird der Lebensraum von Wildtieren oft auch für den Tourismus und die Freizeit genutzt. Deshalb kann es zu Konflikten zwischen Menschen und Wildtieren kommen. Wo notwendig sind deshalb zahlreiche Wildschutzzonen eingerichtet. Dort kann das Schalenwild sich ungestört verteilen. Wenn Spaziergänger, Winterwanderer oder Wintersportler die Wildschutzzonen nicht beachten, werden die Tiere aufgescheucht. Ihr Organismus stellt sich sofort darauf ein, wieder flüchten zu können. Die Tiere verbrauchen dann viel mehr Energie; sie leiden mehr Hunger und gehen unter Umständen wegen Futtermangels ein.

Die Wildschutzzonen in Graubünden umfassen ein totales Betretungsverbot und die Menschen und ihre Hunde müssen auf markierten Wegen bleiben. Neben den ständigen Wildschutzzonen können Bündner Gemeinden in harten Wintern bei Bedarf auch vorübergehende Schutzzonen erlassen, wie Tarzisius Caviezel, Landammann von Davos, an einer Medienorientierung sagte. «In einer Destination wie Davos tangieren solche Massnahmen aber oft auch die touristische Nutzung der Landschaft. Es gilt dann, die Interessen aller Beteiligten sorgfältig abzuwägen.»

 

Wild gehört nicht in Siedlungsräume

«Der Schutz des Wildes lässt sich nicht einfach im Voraus planen. Wir müssen uns flexibel an die Schneelage und das natürliche Futterangebot anpassen und dafür sorgen, dass die Tiere in ihren natürlichen Lebensräumen bleiben», erklärte Andrea Häller, Bezirks-Hegepräsident des Bündner Kantonalen Patentjägerverbandes. Das Wild werde durch menschliche Futterangebote angelockt. «Offener Kompost im Garten, nicht eingezäunte Siloballen von Landwirten, frei zugängliche Grüngutdeponien oder auch Abfallsäcke auf der Strasse ziehen das Wild zuweilen bis in die Ortschaften und auf Strassen und Bahngeleise.»

«In ausserordentlichen Wintersituationen entscheidet eine lokale Einsatzgruppe über weitere Beruhigungsmassnahmen und mögliche Lenkungsmassnahmen: Direkt in den Winterlebensräumen können wir zum Beispiel einzelne Bäume fällen oder in besonderen Fällen gezielt auch Heu anbieten», sagte Riccardo Engler, Bezirkschef der kantonalen Wildhut im Raum Davos. «Wir tun das, um die Tiere aus der Gefahrenzone in ihre möglichst ungestörte Lebensräumen zu lenken, damit sie sich nicht auf Strassen, Schienen oder in Ortschaften aufhalten und dort sich oder sogar Menschen in Gefahr bringen.»

Eine generelle Wiedereinführung von Fütterungen lehnen die kantonalen Fachstellen und die mit ihnen am „Grünen Tisch Graubünden“ zusammengeschlossenen Fachverbände aus Natur, Jagd und Wald aber unisono ab. «Wenn Tiere unter einem harten Winter leiden, ist das im Einzelfall hart, aber es gehört zu den natürlichen Zyklen», sagte Armando Lenz, Geschäftsführer von Pro Natura Graubünden. «Das kantonale Fütterungsverbot ist im Interesse der Tiere das Beste. Es wäre nicht sinnvoll und auch nicht möglich, unser ganzes Wild durch einen harten Winter durchzufüttern. Die beste Unterstützung ist es, das Wild in der Natur in Ruhe zu lassen und die Wildschutzzonen zu respektieren.»

Einer der Gründe für das Fütterungsverbot ist die Verhinderung der Übertragung von Krankheiten. An Futterstellen kommen sehr viele Tiere auf sehr engem Raum zusammen. Diese Nähe und das gemeinsame Futter fördern die Übertragung von ansteckenden Krankheiten, wie etwa der Tuberkulose. Aber auch die Vegetation leidet. «Rund um Futterstellen kann es auch zu massivem Wildfrass kommen, von dem vor allem junge Bäume betroffen sind. Gravierend ist dies im Schutzwald», erklärte der Regionalleiter Herrschaft/Prättigau/Davos des AWN, Matthias Zubler. «Der beste Schutz des Waldes vor Wildschäden sind dem Lebensraum angepasste Schalenwildbestände. Dennoch ist es in ausserordentlichen Wintersituationen für die Lenkung des Schalenwildes sinnvoll, bei Bedarf punktuell Bäume zu fällen, welche das Wild dann abfressen kann.»

 

Zusätzliche Lenkungsmassnahmen im Raum Davos

Nach den vergangenen schneereichen Wintern hat die Sektion Davos des BKPJV das kantonale Fütterungsverbot und dessen Umsetzung – insbesondere die Lenkungs- und Beruhigungsmassnahmen – offen kritisiert. Mit den Verhältnissen vor Ort vertraute Verantwortliche von Wildhut, Forst, Hege und Gemeinde Davos haben die Kritik aufgenommen und die Situation mit den Kritikern analysiert. Gemeinsam wurden zusätzliche Massnahmen beschlossen; das kantonale Fütterungsverbot gilt jedoch nach wie vor.

«Durch noch bessere Information der Bevölkerung und gezielte Massnahmen soll verhindert werden, dass das Wild durch menschliche Futterquellen in die Gefahrenzonen der Siedlungen und Strassen gelockt wird», sagte der Leiter des AJF, Adrian Arquint vor den Medien. «Offener Kompost, Futterreste auf Misthaufen oder Abfallsäcke in den Strassen locken das Wild in strengen Wintern aus seinem Lebensraum und in die Siedlungen. Das schadet dem Wild in vielfacher Weise und kostet viele Tiere das Leben.»

Wild braucht im seinem Winterlebensraum vor allem Ruhe. Die Bevölkerung, der Tourismus und die Feriengäste werden darüber verstärkt informiert und für die Belange des Wildes sensibilisiert. Die Beruhigungsmassnahmen  werden auch mit der Tourismusbranche besprochen und bei Bedarf werden zusätzliche, temporäre Wildschutzzonen erlassen.

Im Bereich der Lenkungsmassnahmen wird versucht, die Umsetzung zu beschleunigen: Um die Massnahmen in ausserordentlichen Wintersituationen rascher umsetzen zu können, werden dezentrale Futterlager vorbereitet. Falls die Wintersituation es nötig macht, können in Ergänzung zu den Beruhigungsmassnahmen auch Lenkungsmassnahmen bewilligt und rasch umgesetzt werden. Dazu werden direkt in den Winterlebensräumen durch Fachleute gezielt einzelne Bäume gefällt oder vorbereitetes Heu ausgelegt. Im Gebiet um Davos (Oberschnitt) werden zu den bisherigen noch zusätzliche Lenkungsmassnahmen geprüft.

«Die Fütterung in den Lebensräumen ist ein letztes Mittel» erklärt Adrian Arquint dazu. Wir können und wollen nicht die Tiere durch den Winter füttern. Die Futterangebote sollen sie einzig von den Gefahren durch Mensch und Verkehr fernhalten.» Die vorgesehenen Zusatzmassnahmen bedeuten denn auch keine Rückkehr zu den Fütterungen früherer Tage, sagte Arquint: «Auch in Davos bleibt das im ganzen Kantonsgebiet geltende Fütterungsverbot für Schalenwildtiere in Kraft.»

Die aktuelle Lage wird im kommenden Winter laufend durch eine lokale Einsatzgruppe, bestehend aus den Wildhütern, den Förstern des AWN und der Gemeinde, den Hegeverantwortlichen der Jägersektion und dem Gemeindevertreter beurteilt. 

 

Der Grüne Tisch Graubünden

Sechs Fachverbände und fünf kantonale Amtsstellen haben sich 2017 zum Netzwerk «Der grüne Tisch Graubünden» zusammengeschlossen, um sich gemeinsam für wildtiergerechte Lösungen einsetzen. Die Kampagnen «Stop Wildtierfütterung» und «Wild braucht Ruhe» erklären und unterstützen die Umsetzung des kantonalen Fütterungsverbotes und setzen sich für die Interessen der Wildtiere ein. 

Christian Gartmann unterstützt den Grünen Tisch Graubünden als Beauftragter für Kommunikation und Medien.