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«Die Krise macht auch etwas demütig.»

«Dass das Dorf rutscht, wusste man schon immer; es waren immer ein paar wenige Zentimeter im Jahr. Häuser bekamen Risse und ab und zu platzte eine Wasserleitung. Wir kamen damit immer zurecht», sagt Daniel Albertin. Er ist der Gemeindepräsident von Albula/Alvra, zu der das Dorf Bergdorf Brienz/Brinzauls gehört. Dann begann das Dorf, sich stärker zu bewegen. 2019 rutschte es schon einen halben Meter pro Jahr. Die Gemeinde und der Kanton Graubünden zögerten nicht lange: Sie mobilisierten den Gemeindeführungsstab und informierten die Bevölkerung. Vier Jahre später musste das Dorf aus Sicherheitsgründen ein erstes Mal evakuiert werden.

Die Gemeinde hatte in dieser Zeit einem umfassenden Risikodialog mit den betroffenen aufgenommen. Mindestens monatlich informierte sie über die aktuelle Lage und jüngste Erkenntnisse und erklärte Hintergründe dazu. Mehrmals pro Jahr lud sie zu Dialogveranstaltungen ein, bei denen sie den Betroffenen ausführlich Gelegenheit gab, zu Fragen zu stellen und ihre Meinung zu äussern. «Zum ehrlichen Dialog gehört nicht nur, dass wir ihnen sagen, was wir wissen, woran wir arbeiten und welche Massnahmen wir zu ihrem Schutz und zum Abwenden von Gefahren ergreifen», erklärt der Gemeindepräsident. «Wir sagen ihnen aber auch, wenn wir etwas noch nicht wissen.»

Das Vertrauen der Betroffenen

Risiko-, Ereignis und Krisenkommunikation (REKK) schafft ein Bild über das Geschehen mit seinen Hintergründen und erklärt, was die Ereignis- und Krisenorganisation tut. Sie zeigt auch auf, wenn ihr Informationen oder Mittel fehlen oder wenn Unsicherheiten bestehen. «Krisenmanagement kann man studieren und man kann sich auf allerlei Dinge vorbereiten», sagt der Gemeindepräsident. «Aber wenn es dann so weit ist, muss man das Vertrauen der Betroffenen haben.»

Kommunikation ist keine Einbahnstrasse: REKK bietet den Betroffenen einen Dialog an und hört ihnen gut zu. Ihre Rückmeldungen verwendet sie, um die Tätigkeit der Ereignis- und Krisenorganisation im Sinne der Betroffenen und ihrer Bedürfnisse zu gestalten. REKK bildet damit eine Basis für das Vertrauen der Betroffenen.

Direkt und ohne Umschweife

Als Gemeindepräsident und Krisenmanager drückt Albertin sich so aus, dass seine Leute ihn verstehen. «Der Dialog kann nur stattfinden, wenn die Betroffenen verstehen, was wir ihnen sagen. Unsere Kommunikation verzichtet deshalb weitgehend auf Fachausdrücke und setzt auf einfache Grafiken, um die teilweise komplexen Vorgänge in der Rutschung zu veranschaulichen.» Die Tonalität der offiziellen Kommunikation nimmt zwar Rücksicht auf die Betroffenen, an der unangenehmen Wahrheit führt dennoch kein Weg vorbei: «Über die Jahre der Vorbereitung haben wir gelernt, dass wir am besten verstanden werden, wenn wir direkt und ohne Umschweife sagen, wie die Situation ist.» Klar in der Sache, aber einfühlsam im Ton.

Trotz seiner hohen Arbeitsbelastung im Führungsstab und der Tatsache, dass er zusammen mit seiner Frau einen Bauernhof führt, nimmt sich Daniel Albertin immer wieder Zeit für lange Gespräche mit Evakuierten. Zudem betreut ein kleines Team von Sozialarbeitern und Psychologinnen die Betroffenen ganz persönlich.

«Als Mensch haben mich die Ereignisse gestärkt. Die Naturgefahr war gross, die Situation für die Betroffenen schwer zu ertragen. Daneben wirken die Probleme des Alltags klein und unbedeutend», sagt Daniel Albertin. «Die Krise macht auch etwas demütig.» Nach zwei Evakuierungen geht der Risikodialog der Gemeinde mit der Bevölkerung weiter: «Wir schenken den Menschen reinen Wein ein, informieren sie über die aktuelle Lage, erklärten die Hintergründe und geben ihnen laufend die Gelegenheit, sich mit uns auszutauschen», sagt Daniel Albertin.

Neues Fachbuch

Die Schilderungen von Daniel Albertin und die Erläuterungen zur Risiko-, Ereignis- und Krisenkommunikation (REKK) sind Teil des neuen Fachbuches Krisenmanagement neu fokussiert. Zahlreichen Expert:innen sprechen darin über ihre Erfahrungen in realen Ereignis- und Krisenlagen. Zu Wort kommen nicht nur Krisenmanager:innen, sondern auch Expert:innen aus Chirurgie, Psychologie, Aviatik, Tourismus oder Medien. Das praxisnahe Buch blickt bewusst über das klassische Krisenmanagement hinaus und ermöglicht der Leserschaft, Lehren aus artverwandten Fachgebieten zu ziehen.

Daniel Albertin

Der Landwirt Daniel Albertin (*1971) ist seit 2015 Gemeindepräsident der Gemeinde Albula/Alvra im Schweizer Kanton Graubünden. Die Gemeinde besteht aus sieben Dörfern, eines davon ist Brienz/Brinzauls. Brienz musste im Sommer 2023 evakuiert werden, weil ein Bergsturz es bedrohte. Ein riesiger Schuttstrom verfehlte das Dorf nur knapp, verletzt wurde niemand. Schon 2024 drohte wieder ein Bergsturz und das Dorf wurde ein zweites Mal evakuiert. Erst im Januar 2026 konnten die Evakuierten wieder in ihrem Dorf wohnen.

Daniel Albertin ist verheiratet und Vater zweier erwachsener Töchter. Er ist weiterhin Gemeindepräsident.