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Jeder braucht in der Krise jeden

Gerät eine Organisation in eine Ereignis- oder Krisenlage, wird gewöhnlich ein Führungsstab eingesetzt. Seine Mitglieder stammen aus den Organisationseinheiten, die von der Lage betroffen sind oder sind Fachleute, die den Betroffenen helfen können. «Jeder braucht dann jeden», sagt der erfahrene Krisenmanager Martin Bühler, der heute Regierungspräsident des Kantons Graubünden ist.

Die Betroffenen von Ereignis- und Krisenlagen brauchen Unterstützung, Mitarbeitende suchen Orientierung und der ordentliche Betrieb der Organisation muss zusätzlich zum Ereignis- oder Krisenmanagement weiterlaufen. Als wäre das nicht schon genug, gerät eine Organisation in einer Ereignis- oder Krisenlage oft noch in den Fokus von Medien und Öffentlichkeit. Die Führung in solchen Lagen ist anspruchsvoll. Deshalb wird sie in die Hände eines Stabs gelegt, in dem erfahrene Spezialisten das reguläre Management unterstützen.

«Komplexe Lagen bewältigt man nicht in einzelnen Silos. Sie verlangen nach gemeinsamen Lösungen. Deshalb bringt man die Erfahrung und Entscheidungskompetenz zu allen wesentlichen Teilfaktoren einer Krise an einen Tisch», sagt Martin Bühler, der 2016 bis 2021 den Kantonalen Führungsstab Graubünden leitete. Der Führungsstab hat eine sehr flache Hierarchie und alle arbeiten auf Augenhöhe zusammen. «In Krisenlagen braucht jeder den anderen und alle sind sich dessen auch bewusst.»

Lautes Denken und sachliche Kritik

Martin Bühler ist Politologe und Milizoffizier. Für die Schweizer Armee leistete er über mehrere Jahre Auslandeinsätze zur Unterstützung von Missionen der UNO, der OSZE und von KFOR/NATO im Nahen Osten, auf dem Balkan und in afrikanischen Ländern. Als Krisenmanager machte er sich nach dem Bergsturz bei Bondo, grossen Waldbränden in Südbünden und vor allem während der Pandemie einen Namen. «Ohne die Praxis der vorangegangenen Krisen hätten wir länger gebraucht, bis wir in die Gänge kommen und hätten uns wohl auch in der Pandemie schwerer getan», sagt er rückblickend. 2021 wurde er in den Bündner Regierungsrat gewählt.

Die Arbeit in einem Führungsstab ist klar strukturiert. Checklisten, Schemata, Zeitpläne und eingeübte Abläufe fördern ein schnelles und effizientes Arbeiten. Gleichzeitig soll ein Führungsstab aber auch Raum für unkonventionelle Lösungen, «lautes Denken» und sachliche Kritik geben, denn die Bewältigung einer Ereignis- oder Krisenlage verlangt Denkweisen und Entscheide, die in einer Normallage kaum je vorkommen. Der Führungsstab hat deshalb eine flache Hierarchie, die Chefin oder der Chef des Führungsstabs ist ein «Primus inter pares».

Regeln, die im Alltag nicht immer gelten

«Strukturen und Effizienz sind in der Stabsarbeit wichtig», sagt Bühler. «Aber ich will auch Räume schaffen, in denen kreative Lösungen entstehen können.» Die Führung in der Ereignis- oder Krisenlage folgt Regeln, die im Alltag nicht immer gelten. Nicht zuletzt deshalb muss die Ereignis- und Krisenorganisation regelmässig und transparent über die Lage und ihre Tätigkeit informieren und mit den Betroffenen einen Dialog führen.

«Krisenmanagement ist ein Dialog mit den Betroffenen», sagt Bühler. «Wenn man nicht dieselbe Sprache spricht, funktioniert er nicht.» Den Sprachvergleich macht Bühler auch im übertragenen Sinn: «Fachausdrücke, Abkürzungen und Militär- oder Management-Kauderwelsch werden in der breiten Bevölkerung nicht verstanden. Wenn eine Krisenorganisation mit den Betroffenen reden will, muss sie sich ihrer Sprache anpassen. Nur dann werden sie die Organisation akzeptieren und ihr vertrauen.»

Martin Bühler gehört zu den zahlreichen Expertinnen und Experten, die im neuen Fachbuch Krisenmanagement - neu fokussiert über ihre Erfahrungen sprechen. Es blickt über das klassische Krisenmanagement hinaus und ermöglicht der Leserschaft, Lehren aus artverwandten Fachgebieten zu ziehen. In zahlreichen Berichten kommen nicht nur Krisenmanager/innen, sondern auch Expert/innen aus Chirurgie, Psychologie, Aviatik, Tourismus oder Medien zu Wort. Die Arbeit im Führungsstab ist eines der wichtigen Themen dieses Buches.

Mehr zu diesem Buch unter www.gartmann.biz/autor

Martin Bühler

Der Politologe Martin Bühler (*1976) ist seit 2023 Regierungsrat des Kantons Graubünden. Von 2016 bis 2022 leitete er das Amt für Militär und Zivilschutz des Kantons und den Kantonalen Führungsstab. Während der Pandemie wurde er als Krisenmanager national bekannt. Der Milizoffizier der Schweizer Armee leistete über mehrere Jahre Auslandeinsätze. Heute ist er Oberst im Generalstab des Kommandos Spezialkräfte. Bühler ist verheiratet und Vater dreier Kinder.