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Die Zeit der Umarmungen

Der Bergsturz am Piz Cengalo forderte im Sommer 2017 acht Menschenleben und die 150 Bewohner:innen des Schweizer Bergdorfes Bondo mussten für mehrere Wochen ihre Häuser verlassen. Um die Lage zu bewältigen, setzte der Führungsstab der Gemeinde von Anfang an auf einen Dialog mit den Betroffenen.

In Ereignis- und Krisenlagen brauchen Betroffene Orientierung, Verständnis und das Gefühl, dass sie gehört werden. Ein offener Dialog ist für beide Seiten deshalb sehr wichtig. Die Schilderungen der Betroffenen über ihre Lage und ihre Rückmeldungen zur Tätigkeit der Ereignis- und Krisenorganisation helfen der Organisation, in ihrem Sinne zu handeln und damit Vertrauen bei ihnen aufzubauen.

Nach dem Bergsturz in einem abgelegenen Seitental wälzten sich riesige Schuttmassen in Murgängen in Richtung Bondo. 150 Menschen mussten ihr Dorf fluchtartig verlassen und lebten ab diesem Moment in Ungewissheit. Gemeindepräsidentin Anna Giacometti erkannte sofort, wie wichtig ein Dialog mit der Bevölkerung nun sein würde. Im Zweiwochentakt rief sich die Gemeinde alle Bewohner zusammen und das Büro der Präsidentin stand den Betroffenen immer offen.

«Es war die Zeit der Umarmungen», erinnert sich Anna Giacometti: Die Belastung durch die Ungewissheit war für die Betroffenen enorm. Sie versuchten, sich gegenseitig zu helfen und die Gemeinde zeigte immer wieder auf, was sie für die Bewältigung der Lage tat. Im aktiv geführten Dialog schuf sie Raum für Austausch, förderte das Verständnis für die Lage und half, zumindest einen Teil der Belastung von den Schultern der Betroffenen zu nehmen.

Dialogformate in der Risiko-, Ereignis und Krisenkommunikation müssen für alle Beteiligten verständlich, zugänglich und niederschwellig gestaltet werden. Möglichst viele der Betroffenen sollen erreicht, möglichst wenige ausgeschlossen werden. Die Ereignis- und Krisenorganisation muss die Rückmeldungen in konkreten Verbesserungen umsetzen. Im Dialog entsteht, was in Krisen zählt: Vertrauen und gemeinsames Handeln.

Live Event

Anna Giacometti ist eine der zahlreichen Expertinnen und Experten, die im Fachbuch Krisenmanagement neu fokussiert über ihre Erfahrungen sprechen. In einem Live-Event am 19. Mai berichtet sie, wie sie, ihr Stab und die Bevölkerung die Ereignisse von 2017 überwunden haben und was sie daraus lernen konnten. Der Anlass kann per Livestream oder in vor Ort Zürich verfolgt werden.


Anna Giacometti

Die Schweizer Nationalrätin Anna Giacometti (*1961) wuchs im Bergtal Bergell auf und war 2010 bis 2020 Gemeindepräsidentin der Talgemeinde Bregaglia. 2017 führte sie die Gemeinde durch die Krisenlage nach dem Bergsturz am Piz Cengalo, bei dem acht Menschen ihr Leben verloren und mehr als 150 ihre Dörfer verlassen mussten. 2019 wurde sie in den Schweizerischen Nationalrat gewählt. Anna Giacometti ist Mutter zweier erwachsener Söhne und vierfache Grossmutter. Sie lebt mit ihrem langjährigen Lebenspartner im Bergell.