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Das Gefühl, nicht weiter zu wissen

Menschen, die in eine Krise geraten sind, haben die Zuversicht verloren, dass sich ihr Leben in absehbarer Zeit wieder zum Guten wenden wird. Zuversicht gründe auf dem Vertrauen in andere Menschen, sagt der Psychiater Prof. Ulrich Schnyder. Denn Menschen seien sich gewohnt, einander in schwierigen Lagen zu helfen. Ereignis- und Krisenmanagement hat deshalb die Aufgabe, die Zuversicht der Betroffenen zu fördern.

«Jeder Mensch ist es gewohnt, dass er Belastungen ausgesetzt ist, die er bewältigen muss. Aber er hat Erfahrung damit und er lernt täglich dazu», sagt der Psychiater und Psychotherapeut Prof. Ulrich Schnyder. Schnyder hat sich über Jahrzehnte mit der Resilienz, den psychischen Folgen schwerer Unfälle, den Folgen von Kindesmisshandlung, Vergewaltigung, Folter und der psychischen Gesundheit von Geflüchteten befasst. In seiner praktischen Tätigkeit behandelte er unter anderem Opfer von Gewaltverbrechen und Folter.

In schwierigen Lagen greife der Mensch auf seine Erfahrung und das Vertrauen in seine eigenen Fähigkeiten zurück. Solange er dabei die Zuversicht bewahre, dass er die Situation bewältigen könne, gerate er in keine eigentliche Krisenlage, sagt Schnyder. «Wenn die gewohnten Mechanismen zur Bewältigung von Schwierigkeiten aber nicht genügen, wird es brenzlig: Das Gefühl, nicht weiter zu wissen, macht sich breit.» Verliert der Mensch seine Zuversicht, gerät er in eine Krise.

Es gibt nie nur eine Krise

Weil Menschen sehr verschieden sind, reagieren sie unterschiedlich auf Ereignis- und Krisenlagen. Es gibt kaum je zwei Personen, die auf dieselbe Lage gleich reagieren, selbst wenn sie die genau gleiche Ausgangslage hatten. Deshalb gibt es in Ereignis- und Krisenlagen nie nur eine einzige Krise, sondern eine Krise pro betroffene Person, Personengruppe oder Organisation. Es ist die Aufgabe des Ereignis- und Krisenmanagements, mit seinen Massnahmen zur Bewältigung möglichst zu diesen individuellen Krisen beizutragen.

Die eigentliche Bewältigung findet aber nicht in der Ereignis- und Krisenorganisation statt, es sind die einzelnen Betroffenen, die ihre individuellen Lagen bewältigen. «Die Betroffenen sind die Experten ihrer eigenen Krise», sagt der Psychiater Schnyder. Um bei der Bewältigung erfolgreich zu sein, brauchen sie die Zuversicht, dass sie diese Bewältigung mit der Hilfe anderer Menschen schaffen können und dass sich ihr Leben in absehbarer Zeit wieder normalisieren wird.

«Vertrauen ist die Basis aller sozialen Beziehungen.»

Basis der Zuversicht ist das Vertrauen in andere Menschen: «Vertrauen ist die Basis aller sozialen Beziehungen. Ohne sie wäre der Mensch nicht zu dem geworden, was er heute ist», sagt Schnyder. «Menschen haben gelernt, ihre Talente und Stärken zu kombinieren und sich gegenseitig zu helfen, weil sie so die Aufgaben, die ihnen das Leben stellt, besser bewältigen können.»

Wird das Vertrauen von Betroffenen in einer Ereignis- oder Krisenlage zerstört, schwindet ihre Zuversicht und sie können in eine Krisenlage geraten. Gelingt es ihnen, wieder Vertrauen zu fassen und Zuversicht zu spüren, können sie die Krise überwinden. Es gehört deshalb zu den zentralen Aufgaben einer jeden Ereignis- und Krisenorganisation, Vertrauen nachhaltig zu pflegen und immer wieder neu aufzubauen. Denn die Zuversicht und das Vertrauen der Betroffenen sind das Fundament für den Erfolg jeder Ereignis- und Krisenorganisation.

«Mein Gegenüber muss mir vertrauen»

Betroffene hätten ein feines Sensorium dafür, wie mit ihnen umgegangen werde und ob ihre Herausforderungen vom Krisenmanagement wahrgenommen würden, sagt Ulrich Schnyder. «Mein Gegenüber muss mir als Experte, aber auch als Mensch vertrauen.» Nur wenn die Betroffenen die Ereignis- und Krisenorganisation und deren Tätigkeit kennen und verstehen, können sie ihr vertrauen, sie unterstützen und selbst dazu beitragen, die Ereignis- und Krisenlage zu bewältigen.

Das Vertrauen und die Zuversicht von Betroffenen sind zentrale Aspekte im neuen Fachbuch Krisenmanagement - neu fokussiert. Es blickt bewusst über das klassische Krisenmanagement hinaus und ermuntert die Leserschaft, Lehren aus artverwandten Fachgebieten in ihre Tätigkeit aufzunehmen. In zahlreichen Berichten kommen nicht nur Krisenmanager/innen, sondern auch Expert/innen aus Chirurgie, Psychologie, Aviatik, Tourismus oder Medien zu Wort. Prof. Ulrich Schnyder ist einer dieser Experten.

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Prof. em. Dr. med. Ulrich Schnyder

Der Schweizer Ulrich Schnyder (*1952) ist emeritierter Professor für Psychiatrie und Psychotherapie an der Universität Zürich. Er erforscht verschiedenste Aspekte der Psychotraumatologie wie etwa die posttraumatische Belastungsstörung, die Resilienz, die psychische Gesundheit von Geflüchteten oder die Folgen von Kindesmisshandlung. In seiner praktischen Tätigkeit an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Universitätsspitals Zürich behandelte Schnyder unter anderem Opfer von Gewaltverbrechen und Folter.

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