Eine Ereignis- oder Krisenlage kann jede Organisation und jede Person treffen. Nüchtern betrachtet, sind die meisten dieser Lagen zumindest teilweise vorhersehbar. Eine Risikoanalyse und ein zweckmässiges Risikomanagement helfen dabei, von einer Eskalation nicht kalt erwischt zu werden. Bei der Arbeit in Spannungs- und Krisengebieten ist ein gutes Risikomanagement überlebenswichtig.

Ereignis- oder Krisenlagen werden von den Betroffenen meistens als eine plötzlich hereinbrechende Verschlechterung der Umstände empfunden, die viel Unsicherheit mit sich bringt. Meist entstehen sie aus bestehenden Risiken, die entweder in der Organisation schon vorher bestanden haben oder als unerwünschte Einflüsse von aussen auf die Organisation einwirken.
Ist man sich dieser Risiken bewusst, kann man Ereignis- und Krisenlagen vorbeugen oder sich besser auf sie vorbereiten. Kommt es dann doch zu einem unerwünschten Ereignis oder gar einer Krise, kann die Organisation besonnen handeln, vermeidbare Gefahren rasch abwehren und sich auf die Bewältigung der Lage einstellen.
Eine spezielle Form des Risikomanagements müssen Organisationen betreiben, die in äusseren Bedingungen arbeiten, die besonders schwierig oder gefährlich sind. Für sie gehört das Beurteilen von Gefahren, in die sich ihre Mitarbeitenden begeben, zum Alltag. Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) ist eine solche Organisation. «Definierte Raster, Prozesse und Abläufe helfen dabei, systematisch zu arbeiten. Man darf dabei keinen Schritt vergessen und nichts Wichtiges übersehen», erklärt Pascal Porchet, der in neun Ländern mehr als 18 Jahre für das IKRK tätig war. Er selbst und seine Teams bewegten sich tagtäglich in Spannungs- und Kriegsgebieten. Eine gründliche Risikoanalyse gehörte zur Vorbereitung jedes Einsatzes.
Umgang mit Risiken
Risikomanagement befasst sich mit der Erfassung und Behandlung von bestehenden Risiken, die zu einer Ereignis- oder Krisenlage führen könnten. Es bewertet die Risiken nach der Wahrscheinlichkeit, dass sie eintreten, und nach dem Schaden, der durch ein Eintreten entstehen könnte. Schliesslich prüft das Risikomanagement Möglichkeiten, ein Eintreten zu verhindern oder den potenziellen Schaden aus einem Eintreten einzugrenzen.
Risikomanagement ist zentral, wenn es darum geht, eine Organisation auf mögliche Ereignis- und Krisenlagen einzustellen. Dennoch kann es zu solchen Lagen kommen. In der Vorbereitung, aber auch in der Bewältigung erfordern sie nicht nur Erfahrung, sagt Porchet: «Andererseits braucht es auch Einfallsreichtum, Vorstellungskraft und Fantasie. Manchmal findet man im Kern der scheinbar ‚dümmsten‘ Idee einen guten Ansatz, der zur besten und sichersten Lösung führen kann. Der Umgang mit Risiken braucht sehr viel Kreativität.»
Risiken vorherzusehen, die eine Organisation belasten, ist eine wichtige Führungsaufgabe. Damit sie erfolgreich sein kann, soll sie nicht nur durch die Kader oder die Unternehmensleitung wahrgenommen werden. «Die Verantwortung und die Entscheide liegen zwar bei den Vorgesetzten, aber die Risikoanalysen geschehen am besten vor Ort und ‚bottom up‘», sagt Pascal Porchet aus seiner jahrelangen Erfahrung. Risikomanagement ist keine Aufgabe, die im Elfenbeinturm stattfinden darf.
Pascal Porchet ist einer von zahlreichen Expertinnen und Experten, die im neuen Fachbuch Risikomanagement - neu fokussiert über ihre Erfahrungen sprechen. Es spannt den Bogen über das klassische Krisenmanagement hinaus und ermöglicht auch Lehren aus artverwandten Fachgebieten. In zahlreichen Berichten kommen nicht nur Krisenmanager/innen, sondern auch Expert/innen aus Chirurgie, Psychologie, Aviatik, Tourismus oder Medien zu Wort. Die Risikokommunikation und der Risikodialog gehören zu den wichtigen Themen dieses Buches.
Mehr zu diesem Buch unter www.gartmann.biz/autor
Pascal Porchet
Pascal Porchet (geb. 1972) arbeitete im Investmentbanking einer Schweizer Privatbank, bevor er 2004 zum Internationalen Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) wechselte. In Nepal, Ruanda, Pakistan, dem Kaschmir, Irak, Kolumbien, Niger und den Philippinen übernahm er Aufgaben vom einfachen Delegierten bis zum Missionsleiter. Am Hauptsitz in Genf war er zuletzt Stabschef Internationale Missionen des IKRK. Seit 2023 ist Pascal Porchet Leiter des Amts für Militär und Zivilschutz und Chef des kantonalen Führungsstabes in Graubünden. Er ist verheiratet und Vater zweier Söhne.
Wie fanden Sie diesen Beitrag?
Teilen und kommentieren Sie ihn auf Ihrem LinkedIn-Profil.