Am 23. August stürzten drei Millionen Kubikmeter Fels vom Pizzo Cengalo in die Val Bondasca, ein Seitental beim Bergeller Dorf Bondo. Unmittelbar danach lösten sich grosse Murgänge. Riesige Mengen Wasser, Sand und Steine wälzten sich bis in die Talsohle bei Bondo und zerstörten Brücken, Strassen, Wasserleitungen und Häuser. Acht Berggänger werden seit dem Bergsturz vermisst, 140 Personen mussten evakuiert werden.
Interview für die Zeitschrift Cockpit
Herr Gartmann, wie geht es der Bevölkerung einige Wochen nach diesen gewaltigen Naturereignissen?
Wenn acht Wanderer in einem Bergsturz verschwinden, ist das ein Schock für alle im Tal. Für die Menschen im Bergell ist das fast so, wie wenn sie ihre eigenen Leute verloren hätten. Die Evakuierten von Bondo, Spino und Sottoponte sind aber froh, dass im Tal unten niemand verletzt oder gar getötet wurde. Sie mussten sich auf einen neuen Alltag einstellen. Nicht wenige haben Häuser, die beschädigt oder gar zerstört wurden. Aber die Menschen im Tal halten zusammen. Jeder hilft jedem.
Welche Rolle spielten Helikopter für die Arbeit aller Beteiligten?
Die Hilfe aus der Luft hat unsere Arbeit überhaupt erst möglich gemacht. Ohne sie könnte hier niemand sicher arbeiten.
Welche Art von Einsätzen wurden geflogen?
Zuerst waren es SAR-Missionen mit Maschinen von REGA, Luftwaffe, Kapo Zürich und Heli Bernina. In den Wochen danach stellte Heli Bernina dann Versorgungseinsätze und Beobachtungsmissionen im Bergsturzgebiet sicher. Helikopter transportieren Alarmsysteme und Beobachter auf ihre Posten. Und auch Doris Leuthard und Guy Parmelin flogen mit den zivilen Maschinen auf die Sciorahütte.
Gab es auch ganz besondere Flüge?
In der Val Bondasca waren 35 Autos eingeschlossen. Da alle Brücken weggerissen sind, mussten sie Ende September ausgeflogen werden. Ein K-max von Rotax flog dafür mehrere Stunden. Besonders eingeprägt hat sich mir ein Einsatz der REGA: Bei Dunkelheit und in strömendem Regen evakuierte die Crew aus Samedan zwei ältere Menschen aus dem Obergeschoss eines Hauses. Sie waren dort eingeschlossen, in der Strasse floss der Schlamm fast zwei Meter hoch.
Sie arbeiten mit einem lokalen Unternehmen. Was bringt das für Vorteile?
Heli Bernina konnte sofort eine Maschine im Bergell stationieren. Die Piloten und ihre Crews kennen das Gebiet und die Menschen im Bergell sehr gut und leisten einen Effort, der weit über das übliche Mass hinausgeht. Man merkt, dass ihnen das Schicksal der Menschen im Tal nahegeht.
Wer hat die Einsätze koordiniert?
Die Koordination der gesamten Lufteinsätze liegt bei der Kantonspolizei Graubünden. An manchen Tagen mussten viele Dutzend Flüge über einen einzigen, kurzfristig eingerichteten Heliport abgewickelt werden. Ohne professionelle Koordination wäre das nicht denkbar gewesen.
Nach dem Bergsturz wurde eine Luftraumsperre verhängt und blieb länger als üblich bestehen. Weshalb?
Zuerst ging es darum, die SAR-Missionen zu schützen. Die Platzverhältnisse in der Val Bondasca und auch beim Heliport in Promontogno sind sehr eng. Aber auch nachdem die Suche nach den Vermissten eingestellt worden war, gab es eine grosse Zahl an Flugbewegungen für die Einsatzkräfte. Beim Flugverbot ging es uns nicht einfach darum, Flüge zu unterbinden, sondern um ein Erzwingen der Koordination. Nicht koordinierte Operationen, etwa von Medien oder Privaten, hätten ein zusätzliches Risiko dargestellt.
Die No-Fly-Zone unterband aber auch den Betrieb von Drohnen.
Das war uns ganz wichtig. Auch hier ging es uns nicht um das Verbot an sich, sondern um die Koordination mit den Helikoptern. Da Drohnen vor allem für Bildaufnahmen über dem Rückhaltebecken und Bondo geflogen wären, wären sie für unsere Helikopter eine besonders grosse Gefahr gewesen; der Endanflug auf unseren Heliport führt genau über diesen Bereich.
Und wie wird dieses Risiko jetzt vermieden, da die Flugverbotszone aufgehoben wurde?
Der Heliport ist auch fast der einzige Ort, von wo man Drohnen steuern kann. Wir haben Warnschilder aufgestellt und bitten um freiwillige Koordination mit der Polizei. Das klappt sehr gut - wir sind den Drohnenpiloten dankbar dafür.
Was, wenn in einem solchen Katastrophenfall keine Helikopter zur Verfügung stehen würden?
Helikopter sind die Lebensader für wichtige Teile unserer gesamten Tätigkeit. Ohne sie würde jede Bewegung und jeder Transport zehn- oder zwanzigmal so lange dauern - wenn er überhaupt möglich wäre. Ich will mir lieber gar nicht vorstellen, wie wir hier ohne Helikopter arbeiten müssten.
Wir alle wissen, dass es Natur- und Umweltschutzorganisationen gibt, welche Helikoptereinsätze kritisieren. Ihr Kommentar dazu?
Im Zusammenhang mit den Ereignissen hier im Bergell habe ich keine Kritik gehört. Selbst Anwohner unseres Heliports, die seit Wochen morgens vom Heli geweckt werden, anerkennen, dass ohne die Flüge ein grosser Teil unserer Hilfeleistungen nicht möglich wäre. Helikopter sind aus dem Leben in den Alpen nicht wegzudenken - auch wenn es keine Naturkatastrophen gibt.
Christian Gartmann unterstützt die Gemeinde Bregaglia in der Krisenkommunikation nach den Bergstürzen und Murgängen vom Sommer 2017. Er ist Mitglied und Sprecher des Gemeindeführungsstabes (GFS).