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Wenn Helfende zu Betroffenen werden

Die Bewältigung von Ereignissen und Krisen verlangt von allen Beteiligten grossen Einsatz und es besteht die Gefahr, dass sich Helfende zu viel zumuten. «Einsätze mit Kindern gehören zu den schlimmsten», sagt Gerold Biner, ehemaliger CEO der Air Zermatt. Als Rettungspilot stand er beim Busunglück von Siders 2012 im Einsatz, als in einem Autobahntunnel 22 Kinder und 6 Erwachsene ihr Leben verloren. Angehörige professioneller Rettungsdienste, der Feuerwehren oder des Katastrophenschutzes werden darauf vorbereitet, dass sie ein Einsatz psychisch belasten kann. Sie achten auf sich selbst und auch auf ihre Kolleginnen und Kollegen.

Auch Gerhard Latt erinnert sich an einen Unfall besonders genau: Er gehörte zu den ehrenamtlichen Rettungskräften, nachdem 3. Juni 1998 ein ICE-Hochgeschwindigkeitszug der Deutschen Bahn in Eschede (Niedersachsen) entgleist war. Den Rettern bot sich ein Bild, das sie nie vergessen würden. 101 Menschen starben, über 100 Personen wurden verletzt; 70 davon schwer. An der Unfallstelle waren 1’900 Helferinnen und Helfer im Einsatz; mehr als zwei Dutzend Helikopter und fast 90 Ambulanzen brachten Verletzte in die umliegenden Kliniken.

Es muss nicht einmal Blut fliessen.

Gerhard Latt war damals schon ein erfahrener Rettungssanitäter. Als er zum Unfallort kam, erkannte er sofort, dass viele der Einsatzkräfte an ihrer Belastungsgrenze arbeiteten. «Unsere Leute waren ganz schön fertig. Aber sie mussten immer weiterarbeiten; das Ereignis war enorm gross.» Die seelischen Belastungen, denen Einsatzkräfte ausgesetzt werden, waren bis dahin kaum thematisiert worden. Latt empfahl, dass die Einsatzkräfte eine Pause einlegen, beziehungsweise abgelöst werden sollten. Heute gehört dieses Vorgehen bei Grosseinsätzen zum Standard.

Ob ein Einsatz belastend wirke, hänge nicht nur von seiner Grösse ab, sagt Gerhard Latt. «Eine erfolglose Wiederbelebung, ein verletztes Kind oder Bekannte oder Freunde unter den Opfern können Auslöser sein. Die Belastung kann auch persönliche Gründe haben; manchmal muss dafür nicht einmal Blut fliessen.» Auch er selbst hat sich nach Einsätzen schon Hilfe geholt, erzählt er: «Wir können uns in einer solchen Situation nicht selbst helfen.»

Swissair 111 liess Care-Teams entstehen

Dass Einsatzkräfte heute auf ein Netz zur Unterstützung nach belastenden Einsätzen zurückgreifen können, hat auch mit Gerhard Latt zu tun. Schon mehr als 20 Jahre vor Eschede hatte Latt versucht, eine systematische Betreuung für belastete Einsatzkräfte aufzubauen. «Aber wir liefen mit den Ideen gegen Wände.» Eschede sollte ein Wendepunkt werden: Die Tragödie belastete viele Einsatzkräfte schwer und brachte die Erkenntnis, dass es Strukturen für deren Betreuung braucht. Auch in der Schweiz war es ein Grossereignis, das den Stein ins Rollen brachte. Nach dem Absturz einer MD-11 der Swissair 1998 bei Halifax wurde ein «Care-Team» gebildet, das später immer wieder zu grossen Ereignissen gerufen wurde. Care-Teams betreiben die so genannte «Psychosoziale Notversorgung». Sie kümmert sich um die direkt von einem Unfall verletzten und deren Angehörige, aber auch um Einsatzkräfte und Helfende, die vom Einsatz belastet wurden.

Einsatznachbesprechungen gehören heute zum Alltag von Rettungskräften. Neben der Einsatztaktik und dem Ausgang des Einsatzes sind darin auch die seelischen Belastungen und die Gefühle ein wichtiges Thema. Schon in der Ausbildung wird auf die Thematik hingewiesen. Gerhard Latt hat sich die Betreuung von belasteten Helfenden zur Berufung gemacht. Er betreut sie direkt am Ereignisort, entwickelt die Verfahren als Fachberater für Traumapsychologie weiter und wirkt als Ausbildner von Rettungskräften darauf hin, dass sie die Angebote auch annehmen. «Die Leute wissen, wo sie Hilfe bekommen, wenn sie durch einen Einsatz belastet wurden. In der Regel sprechen sie dann auch gerne mit uns.»

Laienhelfer bleiben oft unerkannt

Anders ist es bei zufällig anwesenden Laien: Werden sie Zeugen von menschlichem Leid oder helfen sie bei der Rettung und Betreuung von Opfern, kann das auch sie schwer belasten. Im Chaos des Ereignisses bleiben sie unerkannt und können nicht auf mögliche Belastungen untersucht werden. Wenn sich dann Belastungsreaktionen zeigen, müssen sie diese erst erkennen und sich selbst Hilfe suchen.

Wird ein Ereignis für eine Einsatzkraft oder einen zufällig anwesenden Laien zu einer Belastung, fällt es ihnen meist schwer, den Gedanken an das Erlebte loszulassen. Ständig müssen sie daran denken, nachts haben sie Alpträume und tagsüber erinnern Flashbacks an Bilder des Ereignisses. Die Betroffenen schlafen oft schlecht und ihr Alltag verändert sich. Von aussen gebe es verschiedene Hinweise auf eine Belastung aus einem Ereignis, erzählt Gerhard Latt. Etwa, wenn sich jemand immer mehr zurückziehe, weniger rede als sonst oder sich in seinem Wesen oder dem Gestalten seines Alltags verändere. «Mangelnde Körperpflege kann zum Beispiel auch ein Hinweis sein – oder der Konsum von mehr Alkohol.» Erkenne man von aussen, dass sich jemand verändere, solle man die Person offen darauf ansprechen und auf Hilfsangebote aufmerksam machen, rät der erfahrende Notfallseelsorger.

Praxisnahes Fachbuch

Die Betreuung von Helferinnen und Helfern bei Ereignis- und Krisenlagen ist eines der Themen im neuen Fachbuch Krisenmanagement neu fokussiert. Gerghard Latt, Gerold Biner und zahlreiche andere Expert:innen sprechen darin über ihre Erfahrungen in realen Ereignis- und Krisenlagen. Zu Wort kommen nicht nur Krisenmanager:innen, sondern auch Expert:innen aus Chirurgie, Psychologie, Aviatik, Tourismus oder Medien. Das praxisnahe Buch blickt bewusst über das klassische Krisenmanagement hinaus und ermöglicht der Leserschaft, Lehren aus artverwandten Fachgebieten zu ziehen.

Gerhard Latt

Seit mehr als 50 Jahren ist Gerhard Latt (*1950) als ehrenamtlicher Helfer bei der Johanniter-Unfall-Hilfe tätig. Der Fachberater für Psychotraumatologie ist Lehrbeauftragter für Lehrkräfteausbildung und Psychosoziale Notversorgung (PSNV), Landeskoordinator PSNV für den Landesverband Niedersachen/Bremen sowie Dozent der Johanniter-Akademie. Von 2015 bis 2024 gehörte er dem Landesbeirat PSNV an, der dem Niedersächsischen Innenministerium angegliedert ist.

Den Beitrag des «Blick», aus dem die Schlagzeile im Bild stammt, finden Sie hier: